Die Sorbische Weltraumagentur ist ein kleiner Schritt für die Sorben und ein großer Schritt für die Menschheit, meint Grit Lemke.
Ich würde sagen, die Sorbische Weltraumagentur ist ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für die Sorben.
Wahrscheinlich haben wir beide irgendwie recht.
Hinter einer Sorbische Weltraumagentur in Gründung / Serbska swětnišćowa agentura steckt selbstverständlich eine Liebe zu Science-Fiction. Und natürlich lässt sich darüber bei einer kalten roten Brause auch vortrefflich utopisieren. Und genau das wollen wir auch. Wir wollen einen Raum öffnen für Spekulation, Träumerei und Phantasie.

Doch schon sehr schnell schimmern dann auch ernsthafte Fragen auf. Dazu gehören Themen von indigenen Kosmologien und Entwicklungen, Vorstellungen von Fortschritt, von gesellschaftlicher und technologischer Entwicklung. In Lateinamerika gibt es beispielsweise das Konzept des „Sumak Kawsai“, des „Buen Vivir“, des guten Lebens. Dieses Konzept umfasst zentral die Idee, dass wir in Harmonie leben sollen: zunächst in Harmonie mit uns selbst, in Harmonie mit den Menschen um uns herum und in Harmonie mit der Umwelt.
Wir brauchen solche gedanklichen Alternativen zur westlichen Vorstellung eines linearen Fortschritts. In unserer Region können wir beobachten, dass ein stahlgehärteter Zeitstrahl auch zerbrechen kann. Gerade eben noch stand der sowjetische Weltraumbahnhof Baikonur – frei nach Grit Lemke – quasi direkt neben Wojerecy/Hoyerswerda und die angeblich herrschaftsfreie und klassenlose Gesellschaft zeichnete sich am Horizont ab. Doch heute herrschen dort Leerstand und gelegentlich utopische Leere. Die sorbische Kultur aber bleibt, oder vielmehr: sie hat das überstanden.
Von mir aus können die amerikanischen Tech-Bros zum Mars fliegen. Ich persönlich würde mich aber auch freuen, wenn sie einfach dortblieben und uns wieder Raum ließen, eigene Zukunftsvorstellungen zu entwickeln. In Anlehnung an den indigenous futurism hat Karoline Schneider hierfür den Begriff des serbski futurizm geprägt.
Für das Sorbische/Wendische sind Zukunftsvorstellungen wichtig, denn die sorbische Kultur ist seit langem von der Dystopie des Aussterbens von Sprache und Kultur geprägt. Dieser Dystopie wollen wir Zukunftsvorstellungen entgegensetzen, die Lust machen: Lust auf Zukunft und auch Lust auf das Sorbische.
Das Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA)/Astrocentrum Łužica (AŁ) eröffnet uns hier in der Region konkret neben der wissenschaftlichen Erkenntnis auch neue ästhetischer Räume, die es auszuloten gilt. Neben Tracht und Osterei gehört somit auch plötzlich das gesamte Universum wieder zum sorbischen/wendischen Formenschatz, aus dem geschöpft werden kann.

Vielen Dank an das DZA/AŁ dafür, dass es das Sorbische zunächst in die Jetztzeit zwingt und gleichzeitig einen Raum für sorbische Utopien eröffnet. Für das Sorbische geht es darum:
- sich von alten Repräsentationsmustern und Stereotypen (Vergangenheit, Tradition, Tracht, Osterei…) in ihrer Einseitigkeit und Unterkomplexität zu verabschieden,
- neue Repräsentationsmuster und Narrative – auch in Dialog mit indigenen Vorstellungen – zu entwickeln und zu verankern und
- die sorbische Sprache weiterzuentwickeln, zukunfts- und mehrheitsfähig zu machen.
Was ist die Sorbische Weltraumagentur in Gründung?
Die Sorbische Weltraumagentur i.G. (in Gründung) soll Räume für kulturelle und künstlerische Auseinandersetzungen mit Wissenschaft und Technik schaffen sowie diese mit Dialogen über Zukunftsentwürfe verbinden.
Bisher ist die Eroberung des Weltalls fast ausschließlich von nationalen oder wirtschaftlichen Interessen dominiert. Im Sinne unser aller Zukunft geht es darum, sie für die Zivilgesellschaft zu öffnen. Unser Ansatz hierfür ist, die Raumfahrt und das Universum einer Betrachtung unter kulturellen und künstlerischen Gesichtspunkten zu unterziehen sowie mit indigenen Vorstellungen in Dialog zu bringen. Vorbild hierfür ist u.a. das slowenische Kulturzentrum für europäische Raumfahrttechnologien (KSEVT), welches das Themenfeld mit einer Vielzahl von Veranstaltungen, Ausstellungen oder Veröffentlichungen bearbeitet.

Die sorbische Weltraumagentur versteht sich zunächst als nicht-institutionelles Netzwerk der gesamten Lausitz und ist auf eine nachhaltige Entwicklung angelegt. Ziel ist es, eine langfristige fundierte Auseinandersetzung mit den Themen zu ermöglichen. Eine Formalisierung könnte ab 2027 nach der Eröffnung der Zukunftskuppel in Hoyerswerda erfolgen.
Gerade Veranstaltungsformate sowie die künstlerische Produktion verlangen nach einem Dialog mit einem „Publikum“, sind also immer auf Öffentlichkeitswirksamkeit gerichtet.
Für die Weltraumagentur / swětnišćowa agentura geht es zum einen darum, eine Minderheit und eine randständige Region mit der Zukunft, mit Wissenschaft und Technologie zu verbinden, zum anderen darum, den Zugang zu diesen Sphären zu öffnen und zu demokratisieren.
Die sorbische Weltraumagentur i.G. schafft einen Raum, in dem Wissenschaft und Technik mit kulturellen und künstlerischen Mitteln thematisiert werden. Die Innovation liegt darin, dass diese Mittel eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Zukunftsentwürfen ermöglichen sollen. Aus der spezifischen sorbischen Perspektive wird es möglich sich mit den Zukunftsvorstelllungen und Kosmologien anderer Minderheiten (Native futures, Indigenous Futurism) und indigener Science-Fiction zu beschäftigen: Wollen die Sami in den Weltraum? Die Antworten auf diese Fragen können und sollen in Dialog gefunden werden.
Mit diesen Themen öffnet die kleine Minderheit der Sorben/Wenden auch für das DZA Welt. Es gibt eine ganze Welt voller Kosmologien und Vorstellungen und die kleine sorbische/wendische Minderheit öffnet dem Deutschen Zentrum für Astrophysik ein narratives Tor in diese (indigenen) Welten.
Wir sind (in Anlehnung an Brigitte Reimann) überzeugt: Es muss sie geben, die kluge Synthese zwischen Heute und Morgen, zwischen dem Notwendigen und dem Schönen. Wir sind ihr auf der Spur. Manchmal hochmütig und manchmal zaghaft, aber wir werden sie finden.

Hintergrund
Das Netzwerk der Sorbischen Weltraumagentur i.G. wird u.a. getragen von Grit Lemke, Daniel Häfner, Karoline Schneider/Krawcec sowie Syman Delenk. In Brandenburg/Niederlausitz soll das Projekt gefördert werden durch das Projekt „Inwertsetzung immateriellen Kulturerbes im deurtsch-slawischen Kontext“.
Bisher fanden verschiedene kleine Veranstaltungen statt:
Im Mai 2025 fand im Rahmen des 2. SubSorb Festival der sorbischen Subkultur eine Veranstaltung namens Serbski Spacelab statt, die laut Ankündigung der Vorbereitung einer sorbischen Weltraumagentur dienen sollte. Das Publikumsinteresse und Medienecho waren überwältigend. Es gab Meldungen in regionalen und überregionalen Medien – die freilich die Gründung der Agentur schon verkündeten – und ein Coverfoto mit der Kunstfigur GRITKANAWT im sorbischen Raumanzug samt Titelstory im Lausitz Magazin.
Darüber hinaus geibt es im Umfeld verschiedene kleine Workshops, bspw. zu sorbischen Utopien auf dem Witaj Festiwal.